Hm. Wenn man nur immer wüsste, wann die richtige Zeit zum Säen von Gemüse ist! Trotz Empfehlungen auf Samenpackungen, in Büchern oder im Internet ist das oft eine Herausforderung.
Die angegebenen Monate zur Aussaat sind manchmal wenig sinnvoll. So sinnvoll, als ob Apfelbäume am ersten Mai sagen würden: “Heute muss ich blühen, weil der erste Mai ist”. Ihr stimmt mir wahrscheinlich zu, dass das Unsinn ist.
Doch wie findet man heraus, wann die Zeit für Aussaat und Pflanzung von Gemüsen gut ist? Durch das Beobachten der Natur. Damit beschäftigt sich die Phänologie.
Aber was ist Phänologie überhaupt? Und warum ist sie für den Anbau von Gemüse so wichtig? Und wie kann man in das Abenteuer Phänologie einsteigen? Diese Fragen beantwortet dieser Artikel.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist Phänologie?
- Was ist der phänologische Kalender und was ist der Unterschied zu anderen Kalendern?
- So heißen die zehn phänologischen Jahreszeiten und ihre Zeigerpflanzen
- Erfahrungen aus der Praxis: Probleme mit der Aussaat von Gemüse nach Monaten
- Warum ist Phänologie so wichtig für Hobbygärtner, die Gemüse anbauen?
- Warum ist es in Zukunft wichtig, Gemüse nach phänologischen Erscheinungen anzubauen?
- So startet ihr in vier Schritten in das Abenteuer Phänologie
- Meine Erkenntnisse zum Anbau von Gemüse nach dem phänologischen Kalender
Was ist Phänologie?
Phänologie kommt vom griechischen “phanein” und “logos”. “Phanein”heißt übersetzt “erscheinen” oder “sich zeigen” und “logos” bedeutet “Lehre”. Es handelt sich folglich um die Lehre von den (Natur)erscheinungen.
Dabei geht es um die Entwicklung von Pflanzen oder um Ereignisse in der Tierwelt. Was kann man sich darunter vorstellen? Man schaut, was in der Natur wann und wo passiert.
Bei Tieren fallen mir spontan Krötenwanderungen (was) ein. Im Frühling (wann) wandern sie oft über Straßen, um ans Wasser (wo) zu kommen.
Fürs Gärtnern wollen wir uns allerdings auf die Pflanzenwelt konzentrieren. Wir beobachten unter anderem, wann Haselsträucher und Apfelbäume blühen oder die ersten Äpfel reif sind.
Denn Apfelbäume setzen für Blattaustrieb, Blüte und Fruchtreife nicht auf feste Kalendertage, sondern auf Wetter, Tageslänge und Temperatur.
So wie Apfelbäume sprechen auch andere Pflanzen wie Tulpen, Kornelkirschen und eben auch Gemüse auf Umweltbedingungen an.
Die Entwicklung der Pflanzen folgt dabei im Lauf des Jahres einer chronologischen Reihenfolge. Das kennt man vom Apfel.
Der Apfelbaum blüht im Frühling. Im Sommer bildet er Früchte und je nach Sorte steigen wir ab Spätsommer oder Herbst auf die Leiter, um zu ernten.
An solchen konkreten Entwicklungsstadien liest man die phänologischen Jahreszeiten ab, die auch phänologischer Kalender genannt werden.

Was ist der phänologische Kalender und was ist der Unterschied zu anderen Kalendern?
Es gibt verschiedene Kalender, die die Jahreszeiten definieren: den kalendarischen, den meteorologischen und den phänologischen Kalender. Schauen wir sie uns unter dem Aspekt der Jahreszeiten an.
Der kalendarische Kalender unterteilt die Jahreszeiten in vier Phasen. Sie beginnen jeweils zu einem bestimmten Datum und dauern immer drei Monate.
So fängt der Frühling kalendarisch am 20. März an, der Sommer beginnt am 21. Juni, der Herbst am 22. oder 23. September und der Winter am 21. oder 22. Dezember.
Der meteorologische Kalender unterteilt die Jahreszeiten ebenfalls in vier Phasen. Allerdings beginnt der Frühling dabei am 01. März, der Sommer am 01. Juni, der Herbst am 01. September und der Winter am 01. Dezember.
Verwirrend? Und komisch? Vielleicht kann die Natur gar nicht lesen? Dann wissen die Pflanzen ja gar nicht, nach welchem Datum sie sich richten sollen?
Doch. Sie wissen es. Sie kennen nämlich den phänologischen Kalender. Dieser besteht aus zehn phänologischen Jahreszeiten, die nicht an einem festen Kalendertag beginnen.
Jede der zehn Jahreszeiten beginnt, sobald eine spezifische Pflanze, die sogenannten Zeigerpflanze, ein bestimmtes Entwicklungsstadium erreicht hat – wenn zum Beispiel Hasel und Forsythien blühen, Linden ihren Duft verströmen oder Äpfel reifen.
Sobald das entsprechende Entwicklungsstadium der Zeigerpflanze erscheint, endet die vorherige phänologische Jahreszeit. Wie lange die jeweilige Jahreszeit dauert, ist sogar jedes Jahr verschieden! Außerdem gibt es regionale Unterschiede.
Damit sind nicht große Regionen wie Kontinente oder Länder gemeint. Das kann schon innerhalb weniger Kilometer schwanken oder sogar vom eigenen Garten zum Garten der Nachbarin anders sein!
So heißen die zehn phänologischen Jahreszeiten und ihre Zeigerpflanzen
Die phänologischen Jahreszeiten werden oft als phänologische Uhr dargestellt. Es geht auch als Liste oder Tabelle. Hier also als Tabelle mit den dazugehörigen Zeigerpflanzen.
| Phänologische Jahreszeit | Zeigerpflanzen | Dieses Entwicklungsstadium zeigt den Beginn an |
| Vorfrühling | Haselnussstrauch | Blüte |
| Erstfrühling | Forsythie | Blüte Forsythie |
| Vollfrühling | Früher Apfelbaum | Blüte |
| Frühsommer | Schwarzer Holunder | Blüte |
| Hochsommer | Sommerlinde | Blüte |
| Spätsommer | Früher Apfelbaum | Reife Äpfel |
| Frühherbst | Schwarzer Holunder | Reife Holunderbeeren |
| Vollherbst | Stiel-Eiche | Reife Eicheln |
| Spätherbst | Stiel-Eiche | Herbstliche Blattverfärbung |
| Winter | Stiel-Eiche | Blattfall |
Natürlich wachsen während jeder der zehn Jahreszeiten noch mehr Pflanzen, die für den Gemüseanbau relevant sind.
Zum Beispiel blühen im Vorfrühling nicht nur Haselsträucher, sondern auch Schneeglöckchen und Sal-Weide. Doch nur die Zeigerpflanzen markieren den flexiblen Beginn der jeweiligen Jahreszeit.
Wenn es also unter phänologischen Gesichtspunkten heißt „Aussaat von Radieschen im Erstfrühling“, ist die Zeit zwischen Forsythienblüte und Apfelblüte gemeint.

Erfahrungen aus der Praxis: Probleme mit der Aussaat von Gemüse nach Monaten
Vielleicht kennt ihr das: Ihr sät Gemüse zu der Zeit aus, die auf den Saatgutpäckchen angegeben ist. Doch das Gemüse wird nichts. Das Problem ist, dass die die Angaben für eure Gegend nicht oder nur zum Teil stimmen.
Wenn es zum Beispiel heißt, dass Direktsaat von Radieschen ab Februar möglich ist, dann kann das für bestimmte Regionen gültig sein.
Für mich oder auch Leute, die in den Alpen auf 1.000 Meter Höhe garteln, ist das eine völlig ungeeignete Zeit für die Direktsaat. Dort liegt vielleicht noch Schnee und es ist noch klirrend kalt, so dass die notwendige Bodentemperatur fürs Keimen fehlt.
Gleiches gilt fürs Vorziehen. Wenn es beispielsweise heißt “Kohlrabi ab Ende Januar oder Anfang Februar vorziehen”, ist das für die Region, in der ich zu Hause bin, zu früh.
Wenn ich das mache, können die Kohlrabi nicht nach spätestens sechs Wochen ausgepflanzt werden. Das Wetter lässt es nämlich noch nicht zu.
Dann kümmern die Pflanzen im Topf vor sich hin. Können sie endlich ausgepflanzt werden, sind sie beleidigt. Sie wachsen schlecht, so dass nur wenig geerntet werden kann.
Oder es wird überhaupt nichts. So fangen Rote Bete zu blühen an, wenn sie zu früh ausgesät wurden. Ist mir alles schon passiert. Das gleiche gilt für den letztmöglichen Termin zur Aussaat von Gemüse. Der ist für uns oft zu spät.
Im Ergebnis heißt das, dass ich mit den Monatsangaben zufällig zurechtkomme oder auch nicht. Mit diesem Monats-System braucht man eine hohe Frustrationstoleranz. Gut, dass es auch anders geht.
Warum ist Phänologie so wichtig für Hobbygärtner, die Gemüse anbauen?
Wären unsere Gemüsepflanzen Wildpflanzen würde sich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für die Aussaat nicht stellen.
Als Wildpflanzen würden sie es spüren, wann ihre Zeit gekommen ist, um zu keimen, zu blühen und Früchte zu bilden – egal, in welcher Region.
Doch leider sind unsere Gemüse keine Wildpflanzen, sondern “nur” Kulturgemüse, die von uns Menschen angebaut werden. Also heißt es, den richtigen Zeitpunkt für die Aussaat zu erwischen, um möglichst viel ernten zu können.
Wie wir wissen, müssen für die richtige Saatzeit verschiedene Umweltbedingungen zusammenkommen. Müssen wir also mit Hilfe komplizierter Messtechnik Lichtmenge, Boden- und Lufttemperatur feststellen?
Nein. Diese Details brauchen wir als HobbygärtnerIn fürs Gemüse anbauen nicht wissen. Es reicht, die Natur zu beobachten und daran unser gärtnerisches Handeln auszurichten.
Gemüse nach phänologischen Merkmalen (Naturerscheinungen) anzubauen, funktioniert zuverlässiger als nach Kalendermonaten. Das gilt noch mehr für die Zukunft.
Warum ist es in Zukunft wichtig, Gemüse nach phänologischen Erscheinungen anzubauen?
Schauen wir uns zuerst an, was Klima und Wetter eigentlich sind. Das Klima ist der Durchschnitt des Wettergeschehens an einem bestimmten Ort über eine lange Zeit.
Bei uns sind das 30 Jahre. Vereinfacht gesagt, ist Klima das langfristige Wetter berechnet aus Temperatur und Niederschlägen.
Dagegen ist das Wetter das, was jede/r beantworten kann, wenn er oder sie folgende Frage hört: “Wie ist das Wetter heute?” Und jede/r weiß sofort die Antwort.
Gemeint sind die kurzfristigen Wettererscheinungen, die täglich oder stündlich wechseln können und vor der Haustür passieren.
Meinen Beobachtungen zufolge verändert sich das langfristige Wettergeschehen. Das hat Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt.
So habe ich den Eindruck, dass bei uns seit einigen Jahren die Äpfel nicht erst Anfang Mai zu blühen anfangen, sondern schon Mitte bis Ende April.
Meine Erkenntnisse stimmen mit den Daten des Deutschen Wetterdienstes überein. Dessen langfristige Aufzeichnungen weisen zudem auf Klimaveränderungen hin.
Über lange Zeit gesehen dauern Frühling und Herbst länger, dafür ist der Winter um knapp drei Wochen kürzer. Damit verlängert sich die Vegetationszeit. Das gilt auch für Gemüse.
Doch Klima hin oder her. Den Pflanzen ist das große Weltwettergeschehen egal. Ob Wetter und Temperatur nun drei Wochen früher oder später passen, interessiert sie nicht. Sie reagieren auf die tatsächlichen Bedingungen vor Ort.
Dagegen hängen bisher bewährte Aussaatzeiten zu starr an Kalendermonaten und reagieren nicht auf Klimaveränderungen.
Das Klima aber verändert die Saatzeiten. Deshalb ist es sinnvoll, Zeigerpflanzen statt Monate zu nutzen.
So startet ihr in vier Schritten in das Abenteuer Phänologie
Phänologischer Gemüseanbau erfordert anfangs etwas Übung. Doch ihr werdet sehen, wenn ihr euch in das Thema hinein gefuchst und die ersten Erfolgserlebnisse habt, dann lässt es euch nicht mehr los. Mich zumindest begeistert das Thema!
Los geht´s und Ärmel hochkrempeln! Beginnen wir mit den Grundlagen: den Zeigerpflanzen.
Schritt 1: Zeigerpflanzen kennenlernen
Macht euch im ersten Schritt mit den Zeigerpflanzen vertraut. Sind es Sträucher oder Bäume? Wie schauen sie aus?
Schritt 2: Welche Zeigerpflanzen findet ihr in eurer Region?
Ihr wisst schon Bescheid und kennt die Pflanzen? Super! Dann sucht in eurer Gegend nach den Zeigerpflanzen.
Vielleicht habt ihr die eine oder andere Pflanze in eurem Garten oder sie wächst im Garten der Nachbarin? Oder ihr findet sie beim Spazierengehen in einem nahe gelegenen Park, Wald oder in einer Hecke?
Wenn nicht, findet ihr für den deutschsprachigen Raum Aufzeichnungen zum Auftreten der phänologischen Erscheinungen im Internet – in Regionen eingeteilt.
Wobei natürlich das Beobachten der spezifischen Pflanzen in der Nähe von euch zu Hause am zuverlässigsten ist, weil es an eurem Mikroklima ganz nah´ dran ist.
Schritt 3: Das aktuelle Entwicklungsstadium identifizieren
Wählt eine der Zeigerpflanzen wie zum Beispiel, Forsythie, Apfelbaum oder Holunder in eurer Nähe aus und schaut, in welcher Wachstumsphase sie gerade steckt.
Ist es die winterliche Knospenruhe? Der Austrieb vom Blatt? Die Blattentfaltung? Die Blüte? Fruchtreife? Herbstliche Blattverfärbung? Oder der Blattfall?
Dann guckt, ob eure gewählte Zeigerpflanze Beginn oder Ende einer phänologischen Jahreszeit anzeigt. Und das spielt ihr mit den anderen Pflanzen auch durch.
Schritt 4: Zwei Beispiele, wie ihr den Gemüseanbau nach dem phänologischen Kalender planen könnt
Hier kommen zwei Beispiele, wann was vorgezogen werden kann. Es ist Vorfrühling und die Schneeglöckchen blühen? Dann wird es Zeit, Salat vorzuziehen. Chinakohl im Herbst ernten? Gerne. Los geht´s mit vorziehen im Hochsommer, der mit der Lindenblüte anfängt.
Weitere Infos, wann ihr welches Gemüse nach phänologischen Merkmalen säen und pflanzen könnt, findet ihr in Büchern oder im Internet. Mit diesen Informationen plant ihr euer Gartenjahr.

Meine Erkenntnisse zum Anbau von Gemüse nach dem phänologischen Kalender
Wetter und Klima beeinflussen das Wachstum von Pflanzen und Gemüse grundlegend. Die Saatzeiten auf den Samenpackungen dienen dabei nur der groben Orientierung.
Nicht, dass ihr auf die Idee kommt und im Herbst Tomaten und mitten im Winter Stangenbohnen aussät. Das wäre riskant.
Mit dem phänologischem Wissen und noch ein paar mehr Zutaten steigt die Chance, Gemüse dann anzubauen, wenn die Aussichten auf schön gewachsene Salate, Kohlrabi und Co. am größten sind.
Dadurch lässt sich der vorhandene Platz besser nutzen und mehr ernten. Das ist besonders bei einer kleinen Anbaufläche von Bedeutung.
Viel Freude in Garten und Natur
Sonja
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Was der Wohnort für einen Unterschied macht, fällt mir immer auf, wenn ich mich mit einer Freundin unterhalte. Sie wohnt im Odenwald, ich in der Nähe von Hamburg. Da liegen welten dazwischen, was die Pflanzen hier und bei ihr machen. Danke für diesen einleuchtenden Artikel!
Liebe Grüße
Angela
Hallo Angela,
ja, das mit dem Wohnort erlebe ich auch hier innerhalb von wenigen Kilometern.
Da kann ich dreimal zu verschiedenen Zeiten Frühlingsblüher gucken: zuerst ein paar Kilometer entfernt an der 150 Meter tiefer liegenden Donau – wenn es dort vorbei ist, blühen sie bei uns und wenn es bei uns vorbei ist, fahre ich hinterm Haus den Berg hinauf und dann blühen dort die Frühlingsblüher. Ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wieviel Einfluss die Lage hat.
Liebe Grüße
Sonja